Editorial

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In der letzten Ausgabe der arranca! ging es ums Scheitern der Linken. Heute scheitert der Gegner. Der Kapitalismus erlebt seine größte Krise seit 80 Jahren. Was bis vor kurzem von der bürgerlichen Presse bis weit in die parlamentarische Linke hinein als immerwährendes Naturgesetz galt, zählt auf einmal nicht mehr. Für einen Augenblick scheint die Welt Kopf zu stehen. Marx ist wieder salonfähig, und in den Feuilletons riecht es nach Vormärz. Die einstigen Apologet_innen des Neoliberalismus klingen wie verstaubte Gewerkschaftsfunktionär_innen. Die FDP entdeckt ihr Herz für die ‹kleinen Leute› und in Hamburg solidarisiert sich die CDU mit Hausbesetzer_innen gegen den neoliberalen Umbau der Stadt.

Jenseits dieser Ebene symbolischer Politik aber, dort, wo Fakten geschaffen werden, wird nach kurzem Augenreiben deutlich, dass hinter der dürftigen Verstaatlichungsrhetorik die Eliten längst Zugriff auf wesentliche Teile gesellschaftlicher Ressourcen gewonnen haben, die nun zu ihrer Rettung mobilisiert werden. Steuern für Unternehmen und Spitzenverdiener_innen sollen weiter gesenkt und im Gegenzug Kopfpauschalen im Gesundheitssystem eingeführt werden. Statt ‹bedingungslosem Grundeinkommen› droht unter dem euphemistischen Namen ‹Bürgergeld› eine abgespeckte Hartz IV-Variante.

Im globalen Maßstab betrachtet, stellt sich die Situation noch weitaus dramatischer dar. In manchen Metropolen boomen die Suppenküchen und Zeltstädte, während nebenan aus Neubauten Ruinen werden. Der Hunger kehrt in Gebiete zurück, wo er bereits überwunden zu sein schien. Immer mehr Menschen machen die Erfahrung, dass ihre Arbeitskraft nicht länger existenzsichernd honoriert wird und sie an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden, wo sie Bekanntschaft mit dem demontierten Sozialstaat machen dürfen.

Doch obwohl der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form ideologisch und ganz real angeschlagen ist, wissen wir, dass der revolutionäre «Hammerschlag», der die Wand zwischen der kapitalistisch organisierten Gesellschaft und der besten aller möglichen Welten plötzlich niederreißt, so nicht kommen wird. Geschichte ist keine Lokomotive, sondern wird gemacht – und zwar von uns, irgendwie!

Dieses ‹irgendwie› reicht jedoch, so ratlos man bisweilen vor der stählern erscheinenden Welt stehen mag, nicht aus. Auch wenn das ‹wohin› der Reise keineswegs feststeht, müssen wir uns mit eben dieser Frage beschäftigen: Wie bloß?

Unsere Autor_innen haben sich von dieser Frage provozieren lassen – zu überraschenden Antworten: Nur wenn Disziplin und Rausch aufeinanderprallen, scheppert es so richtig. Die andere Welt muss auch bei Opel möglich sein. Antikapitalist_innen, ihr solltet bei Queers und Hacker_innen spicken! Hugo Chávez hat bei Toni Negri nachgeschaut. Wir machen‘s wie die GNU/Linux-Geeks, auch bei der Zahnbürstenproduktion. Streikende Künstler_innen können zur Not immer noch die Streikweste in der Galerie aufhängen. Wenn sich molekulare Krisenelemente anhäufen, ist ‹weitermachen wie bisher› selbst die Krise. Kein Parlament ist (vorerst) auch keine Lösung! Und stand dazu nicht was bei Sklovskij?

Einige dieser Antworten wurden erfreulicherweise zum Ausgangspunkt von Debatten: Die Diskussion zu queeren Perspektiven auf kapitalistische Ökonomie wird im nächsten Heft ebenso wieder aufgegriffen wie die Frage, ob das potenziell transzendierende Moment künstlerischer Kreativität und Spontaneität unwiderruflich von der Warenform eingetütet und für uns verloren ist. Auch zu Opel gibt’s noch mehr zu sagen. Transformationsstrategien sprengen also neben vielem anderen auch den Umfang einer arranca!, weshalb wir uns entschieden haben, die nachfolgende Ausgabe ebenfalls diesem Thema zu widmen.

Zu welcher Strategie ihr auch greift: Hinten kackt die Ente.

Großer Dank gilt Philipp von Imaging Dissent, der schon an der großartigen G8-Nummer mitgearbeitet hat und nun für diese Ausgabe fotografiert und sie gestaltet hat. Tausend Dank!

Und nun viel Spaß beim Schauen und Lesen,
Eure arranca!-Redaktion

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Erschienen in arranca! #41

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